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Das Handicap-gerechte Auto

Mobil trotz körperlicher Einschränkungen: Menschen mit Handicap erleichtert das eigene Auto einen selbstbestimmten Alltag. Dabei hilft maßgeschneiderte Technik
von Ute Essig, 25.08.2017

Lenken mit Joystick: Boris Nicolais umgebauter Van steckt voller Hightech-Hilfen

W&B/Claus Morgenstern

Auto-Narren mögen Pferdestärken, laute Motoren, schnittiges Design. Boris Nicolai mag sein Auto wegen der Heckabsenkung, weil ein Gasbremsschieber eingebaut ist und ein Joystick. Vor allem aber mag er sein Auto, weil es für ihn Freiheit bedeutet, Selbstständigkeit, Spontanität.

Boris Nicolai leidet an einer erblichen Muskelerkrankung, einer Gliedergürteldystrophie. Typisch dafür sind Lähmungen im Becken- und Schulterbereich. "Ohne Auto käme ich hier nicht weg", sagt der 32-Jährige aus St. Ingbert, während er in seinem 170 Kilogramm schweren Rollstuhl über den Parkplatz der Firma fährt, in der er als Maschinenbautechniker arbeitet. "Für die zwölf Kilometer vom Job nach Hause braucht man mit öffentlichen Verkehrsmitteln anderthalb Stunden." Als Gesunder.

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Welche technischen Extras Menschen mit körperlichen Einschränkungen das Autofahren erleichtern, erfahren Sie in der Septemberausgabe der ADAC Motorwelt; weiter unten finden Sie das pdf

Fahrerlaubnis mit Auflagen

Dass er nicht gesund ist, weiß Boris Nicolai seit seinem 18. Lebensjahr. Bereits vorher spürte er, dass mit seinen Muskeln irgendetwas nicht stimmt. "Es fühlte sich an, als ob ich einen 100-Kilo-Rucksack aufhätte und damit aufstehen müsste." Zunehmend langsamer und schleichender bewegte er sich. Wie ein alter Mann.

Bevor die Beine gar nicht mehr wollen, die Kraft in den Oberarmen verloren geht, macht der Jugendliche seinen Führerschein. Mittlerweile zeigen zahlreiche kleine Ziffern auf dem Dokument, welchen Auflagen die Fahrerlaubnis unterliegt. Dafür musste Boris Nicolai beim TÜV seine Fahreignung unter Beweis stellen und eine erneute Prüfung ablegen. Zehn Fahrstunden haben ihn darauf vorbereitet – in dem Auto, das eine Firma in der Schwäbischen Alb für ihn umrüstete.

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Lesen Sie hier den Artikel aus der ADAC Motorwelt (Ausgabe 9/2017) über den Umbau des Vans (als pdf)

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Rollstuhl als Autositz

Jetzt senkt sich das Heck dieses Vans ab. Über eine Rampe steuert Boris Nicolai seinen Hightech-Rolli, der gleichzeitig Autositz ist, ins Cockpit. Mit einem dezenten Klicken rastet der Stuhl im Fahrzeugboden ein. Boris Nicolai startet den Motor per Knopfdruck, setzt das Auto per Gasbremsschieber vorsichtig in Bewegung und lenkt mit dem Joystick.

Über die Seite fährt der Rollstuhl direkt ins Cockpit

W&B/Claus Morgenstern

Rückwärts gleitet der Van aus der Parklücke, und Boris Nicolai düst los. Der Fahrtwind weht ihm die dunklen Haare in die Stirn. Jeden Tag pendelt der Saarländer mit dem Van zur Arbeit. Exakt eine Viertelstunde lang. "Boris wäre beruflich ohne Auto nicht da, wo er heute steht", ist sein Vater überzeugt. Zunächst bringt er den Sohn – zum Zeitpunkt der Diagnose noch in Aus- und Weiterbildung – täglich zum Arbeitsplatz. "Die Nachricht von der Krankheit war erschreckend für uns. Aber man wächst da langsam rein", sagt seine Mutter Karin, während sie auf der Terrasse ihres Hauses in St. Ingbert Kaffee serviert. Die Eltern unterstützen ihren Sohn nach Kräften, bauen etwa ihr Heim bestmöglich nach seinen Bedürfnissen um.

Krank hinters Steuer: Welche Patienten dürfen eigentlich noch Auto fahren?

Leidet jemand an einer chronischen Erkrankung und wird im Straßenverkehr auffällig, schaltet sich eventuell die Führerscheinstelle ein. Sie fordert ein ärztliches Gutachten, um die Fahreignung des Patienten zu prüfen. Begutachtungsstellen gibt es zum Beispiel beim TÜV oder bei der DEKRA. Auch niedergelassene Verkehrsmediziner können ein Gutachten erstellen.

Die Fahreignung hängt bei einer Erkrankung von sehr individuellen Faktoren ab und wird per Einzelfallentscheidung geklärt. Eine Orientierung, wer wann fahren darf, bietet die Anlage 4 der Verordnung über die Zulassung von Personen zum Straßenverkehr/ Fahrerlaubnisverordnung (FeV) des Bundesjustizministeriums.

Im Folgenden einige Informationen aus diesem Gesetzestext, die allerdings keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. Den genauen Wortlaut finden Interessierte online unter https://www.gesetze-im-internet.de/fev_2010/anlage_4.html.

Schwerhörigkeit: Auch bei hochgradigem Hörverlust von 60 Prozent und mehr ist die Fahreignung in der Regel gegeben – sofern nicht gleichzeitig andere schwerwiegende Einschränkungen vorliegen, zum Beispiel Seh- oder Gleichgewichtsstörungen.

Sehbehinderung: Grundsätzlich ist zum Führen eines Kraftfahrzeugs eine Sehschärfe von 0,7 nötig, die in einem Sehtest nachgewiesen werden muss. Der Wert darf auch mit Brille erreicht werden. Wird er unterschritten, klärt ein augenärztliches Gutachten die Fahreignung. Überprüft wird unter anderem das Wahrnehmen von Kontrasten.

Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Bei Herzrhythmusstörungen mit anfallsweiser Bewusstseinstrübung oder Bewusstlosigkeit besteht normalerweise keine Fahreignung. Erst wenn erfolgreich mit Arzneimitteln oder Herzschrittmacher behandelt wurde, dürfen Patienten hinters Steuer. Bei Bluthochdruck darf man in der Regel Auto fahren.

Diabetes: Bei stabiler Stoffwechsellage ohne Neigung zu unkontrollierten Unterzuckerungen dürfen Diabetiker in der Regel weiter ans Lenkrad. Bei einer Neigung zu schweren Stoffwechselentgleisungen dagegen nicht.

Alle Angaben beziehen sich auf die Führerscheinklasse B, die das Führen von Kraftfahrzeugen bis zu 3500 Kilogramm Gesamtmasse erlaubt.

Zuschuss zum Umbau des Autos

Doch 2008, als Boris Nicolai seinen ersten festen Arbeitsvertrag unterzeichnet, möchte er ein eigenes Auto. Er stellt bei der Agentur für Arbeit einen Antrag auf Kostenübernahme für ein auf seine körperlichen Einschränkungen abgestimmtes, individuell umgebautes Auto. Es folgt eine Menge Papierkram.

"Der Zuschuss ist gehaltsabhängig und beträgt maximal 9.500 Euro", sagt Achim Neunzling vom Bund behinderter Auto-Besitzer, der Autofahrer mit gesundheitlichen Einschränkungen beim Neukauf und Umbau von Kraftfahrzeugen berät.

Auto fahren mit zwei Fingern

Gewährt wird die finanzielle Unterstützung nur Personen, die sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind. Für Antragsteller mit bis zu 15 Berufsjahren ist die Agentur für Arbeit zuständig, die anderen müssen sich an die Rentenversicherung wenden.

"Mit einer körperlichen Einschränkung darf prinzipiell jeder Auto fahren, der seine Defizite durch eine spezielle Ausstattung kompensieren kann", erklärt Experte Neunzling, der selbst eine körperliche Behinderung hat. In den maßgeschneiderten Autos stecke jede Menge Hightech. Im Prinzip brauche man lediglich zwei Finger, um die modernen digitalen Steuerungselemente bedienen zu können.

Boris Nicolai braust an einer Haltestelle vorbei, wenige Hundert Meter vom Firmeneingang entfernt. Hier jeden Tag zu stehen und auf den Bus zu warten, das wäre nichts für ihn. Der Weg zum eigenen Auto war nicht immer einfach, aber er hat sich gelohnt. In den neun Jahren, die er den Van besitzt, hat der junge Mann 167.000 Kilometer damit zurückgelegt. Auch für seine Eltern ist die Tatsache, dass ihr Sohn dank technischer Hilfen ein selbstständiges Leben führen kann, eine große psychische Entlastung.

Nächstes Ziel: Olympia 2020

Zweimal pro Woche fährt Boris Nicolai zum Sport. Direkt vom Großraumbüro aus, wo der Konstrukteur ab 8 Uhr morgens am Computer sitzt. Das brauche er als Ausgleich: "Ich muss mich bewegen." Früher war es Tennis, heute spielt er Boccia – und das sehr erfolgreich. "Boris ist amtierender Deutscher Meister im Nationalen Bereich des Paralympischen Boccia", sagt sein Trainer Edmund Minas stolz, während sein Schützling gekonnt rote, weiße und blaue Bälle über den glänzenden Hallenboden spielt. Das Ziel der beiden: die Qualifikation für die Olympischen Spiele 2020. Minas ist zuversichtlich, dass sie in Tokio dabei sein werden.

Grenzenloses Reisefieber

Boris Nicolai genießt es, dass ihn die Boccia-Turniere oft hinausführen in die weite Welt, etwa nach Polen, Portugal, Kanada. "Mein zweites Hobby ist Reisen." Besonders gern fährt der junge Mann momentan mit seinem Van ins Allgäu, wo er per Spezial-Segway auf den Forstwegen unterwegs ist, während die Eltern zu Fuß die Berge hochwandern. Oben treffen sie sich dann, kehren auf einer Hütte ein, genießen die Aussicht.

Boris Nicolai lebt sein Leben bewegt, mag Veränderungen, scheut keine Herausforderung. In den nächsten Monaten wird er in seine erste eigene Wohnung ziehen. Komplett barrierefrei gebaut, ohne Schwellen und mit extrabreiten Türen. Boris Nicolai freut sich. Auf die Zukunft in den eigenen vier Wänden – und alles, was dann noch kommen wird.



Bildnachweis: W&B/Claus Morgenstern, Kooperation Apotheken Umschau - ADAC Motorwelt

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